Die Entdeckung der Langsamkeit (Transatlantik 2016)

Die Entdeckung der Langsamkeit
Transatlantik 2016

 

08.11.2016 Lanzarote

2.900 Seemeilen – also knapp fünfeinhalb tausend Kilometer – Blauwasser liegen vor uns. Reine Hochsee, nichts als Wasser um uns herum, vielleicht gelegentlich ein Vogel, fliegende Fische oder mit ein bisschen Glück eine Gruppe Delfine. Womöglich wird auch das ein oder andere Schiff unseren Weg kreuzen. Zum achten Mal überqueren wir den Atlantik – das fünfte Mal von Ost nach West. Und trotzdem ist jedes Mal ein Grummeln im Bauch 🙂

 

Das Rigg ist gecheckt, Frischwaren sind eingekauft (bis auf die Zwiebeln. Wieso können sämtliche Zwiebeln auf einer Insel ausverkauft sein?? Alle Supermärkte haben wir abgeklappert. Mal sehen, wie lang diese geschälten Frühlingszwiebel halten und gut, dass wir noch Vorräte haben, denn Zwiebeln sind ja quasi die Existenzgrundlage eines jeden Essens).

Wir sind frop1020164-grosse-webansichth, Lanzarote, die Insel, die so ungastlich zu uns war, verlassen zu können. Die Wettervorhersage für die nächsten 16 Tage ist bombastisch! Passatwind von 15 Knoten für die komplette Zeit. Das könnte ein Rekordjahr werden. (Denken wir noch so.) Sonst haben wir 19 und 16 Tage von hier und 15 bzw. 13 Tage von den Kapverden gebraucht.

 

Mit fünf Beaufort empfängt uns der Wind nach der Hafenausfahrt. Wir rauschen voran. Passend zum Tanken in Puerto Galera empfängt uns ein Regenschauer (auf dieser Insel, in der es nur fünf Tage im Jahr regnen soll, die wir aktuell voll steuermann-felixausgeschöpft hatten), der nach dem Anlegen (ich durchweicht) natürlich aufhört.

Der Wind hält den Tag und die ganze Nacht an, bis wir den Norden von Gran Canaria passiert haben. Ein wehmütiger Moment für uns. Hier liegt unser Kater Felix begraben, den wir quasi mit der Taimada übernommen haben und der uns im ersten Jahr auf unserer Reise begleitet hat (bis er im Hafen von Gran Canaria vor ein fahrendes Auto lief). Er hat eine riesige Lücke an Bord hinterlassen. Immerhin begleitet er uns in unseren Herzen seither weiter.

 

p1020152-grosse-webansichtWie immer sind die Welle und der Wind um die Kanaren gruselig konfus. Mal viel, mal nichts, mal gegenan, von vorn, von hinten, von der Seite.
Im Süden von Teneriffa wollen wir nochmals für eine Mütze Schlaf stoppen, doch der Ankerplatz bei Los Christianos ist jetzt Fischfarm. Wir ankern in p1020160-grosse-webansichtder Nähe im hohen Schwell.

Da wir immer noch so übermüdet sind, beschließen wir beim Vorbeisegeln an Gomera, auch in der nächsten Nacht nochmals zu stoppen. Wie immer bei den
kanarischen Ankerplätzen steht der Schwell in die Bucht, aber die Umgebung ist bizarr und verleitet mich sofort zu Geschichten.

 

Kurz überlegen wir uns am nächsten Tag, ob wir in El Hierro nachtanken sollen, weil wir im Lee der Inseln schon viele Stunden motoren mussten, aber die Wettervorhersage für die nächsten 16 Tage ist nach wie vor gigantisch. Zuverlässiger Passatwind um die 15 Knoten – perfekte Bedingungen. Wir werden uns den Umweg über die Kapverden sparen und direkt segeln – das müssen wir einfach nutzen! Die kürzeste Strecke, direkt auf dem Großkreis in die Karibik!

Kaum haben wir das Lee von El Hierro hinter uns gelassen, geht die Rauschefahrt los. Die 15 Knoten entpuppen sich eher als 20 bis 25 Knoten. Riesige Wellenberge brausen heran, heben die Taimada an und in einem Affenzahn sausen wir in Gleitfahrt wieder hinunter ins Wellental – die Taimada erzittert und erbebt. Doch auch hier ist der Seegang noch konfus. Mancher Wellenberg donnert gegen die Seitenwand, überflutet uns mit Salzwasser – das ganze Schiff wird feucht und klebrig, alles ist klamm und muffig. Jeder Segeltrimm wird von einer kalten, salzigen Dusche begleitet. Jeder Handgriff wird zur Mühsal. Schon das Hangeln eines Teebeutels aus dem Schrank ist eine Tortur, alle Schubladen kommen einem entgegen. Teewasserkochen wird zum gefährlichen Vabanque-Spiel: Springt mich das kochende Wasser an oder nicht? Essen fällt mal wieder aus – zumindest mein Magen will nicht und Hajot gibt sich mit den Salzkräckern, die ich kredenze, zufrieden. Auch der Schlaf – rings um die 4 Stunden Nachtwache – ist beim Knallen der Wellen gegen den Rumpf eher ein „Ich-tue-mal-so-als-ob“.

p1020163-grosse-webansichtDass man ausgerechneten in solchen Momenten an die vielen Geschichten denken muss, wo Schiffe unter voller Fahrt auf treibende Container oder Wale gedonnert sind … Und wenn wir schon bei Schiffen sind: Das Meer ist groß und weit, doch warum die unsere Bahn kreuzenden Schiffe direkt auf Kollisionskurs sind, ist immer ein unergründlich Phänomen. Einige Frachter queren unseren Kurs und auch zwei Einhandsegler der Vendée-Globe-Rallye auf dem Weg zum Kap der Guten Hoffnung sind dabei – einer ändert sogar seinen Kurs, obwohl er eine knappe Meile hinter uns vorbeifahren würde (Anmerkung: Von der Rallye mussten einige abbrechen, weil sie Kollisionen hatten).

Drei Tage werden wir durchgeschüttelt und gebeutelt, obwohl wir eingekeilt sind, sammeln blaue Flecken und harren eingemummelt in Fleeceklamotten und dicken Decken, bis die See endlich ruhiger wird.

 

Recht übermüdet werden wir drei Tage lang mit gigantischen Segeln belohnt. Kaiserwetter. Die Sonne scheint, der Passat bläst uns mit 15 Knoten in zügiger Fahrt voran.p1020174-grosse-webansicht Unter beiden Genuas – wie zwei Flügel ausgebreitet – rauscht die Taimada dahin. Nachts beleuchtet der Vollmond die Wolkenberge und taucht die Welt in ein silbernes Licht. Die Nachtwache ist nicht mehr bedrohlich und beängstigend, sondern einfp1020177-grosse-webansichtach unfassbar schön!

 

 

 

 

 

 

 

Oft fragen Leute, ob es nicht beängstigend ist, so mitten auf dem Meer zu sein, doch das habe ich so noch nie empfunden. Diese Weite hat auf mich etwas Beruhigendes.

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Der Wind flaut noch mehr ab, die Taimada zieht gemütlich, noch geschoben vom mit einem Knoten nach West setzenden Kanarenstrom, dahin. Wir holen auch zwischendurch tags etwas Schlaf nach. Nun ist die See auch ruhig genug, dass wir wieder eine Wettervorhersage mit dem Satellitentelefon holen können.

p1020255-grosse-webansichtUnd wir holen sie gleich noch mal, weil wir unseren Augen nicht trauen können. Wo, um Himmels willen, ist der Passatwind geblieben? Der Wetterbericht zeigt nicht nur viel Flaute, sondern ein mächtiges Tief kommt von Norden und wird uns sogar Gegenwind bescheren, wenn wir auf diesem Kurs bleiben. Wind gegen Strömung … den Seegang braucht keiner. Im Süden sieht es etwas besser aus, aber auch windstiller. Natürlich können wir nicht 2.000 Seemeilen weit motoren, aber für ein Stück in den Süden investieren wir unseren kostbaren Diesel, um von dem Tief wegzukommen.

 

Immerhin waschen zwei, drei Schauer unser Deck blitzeblank und endlich ist unsere Taimada wieder frisch und sauber. Die Sonne scheint, das Meer ist tiefblau und die Fahrt in Richtung Süden hat auch den Vorteil der wärmeren Temperaturen. So langsam tauen wir in den wärmer werdenden Temperaturen auf. Kleidungsstück um Kleidungsstück fällt ab und auch die frostigen Erinnerungen an die kalten Kanaren.

 

p1020213-grosse-webansichtDie Squalls – kurze Regenschauer mit Windböen –, die uns sonst, manchmal sehr in Atem gehalten haben, halten sich im Rahmen. Der Wind nimmt meist um die 10 Knoten zu – was für unsere aktuellen Windverhältnisse kein Problem ist.

 

 

Waren wir deshalb nachlässig? Haben wir deshalb die dicke Wolkenwand unterschätzt, die auf uns zurollt?

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Ich komme gerade verschlafen nach der frühmorgendlichen Freiwache (von 4–8 Uhr) hoch ins Cockpit und starre auf die schwarze Wand. Hajot ist müde nach vierstündiger Wache. Ich frage noch, ob wir Segel bergen sollen. Wir sind gerade unter Vollbesegelung – Großsegel und Genua –  bei achterlichem Wind unterwegs. Aber die letzten Squalls waren ja alle schwach. Ich bin vorsichtig,
Hajot ist in dem Fall der Optimist.

Und da setzt auch schon der Wind ein, gefolgt von Regen, der waagrecht übers Deck peitscht. Schnell steigt die Windstärke auf 25 Knoten, 30 Knoten. Völlig angespannt klammere ich mich am Tisch fest, meine Augen wandern zwischen Windanzeige und unserer Leichtwindgenua, die für maximal 20 Knoten Wind ausgelegt ist, hin und her.

Der Wind heult, der Regen prasselt aufs Deck. Grelle Blitze zucken am Himmel, es donnert so heftig, dass die Taimada von den Schallwellen erbebt. 35 Knoten. 40 Knoten. Die Angst schlägt in Panik um. Das wird unser Rigg niemals aushalten!

Ein Mastbruch hier mitten auf dem Atlantik wäre unser „Aus“, wenn das Schiff leckschlägt.

Warum müssen mich gerade jetzt wieder diese Bilder einholen vom Schiffbruch der Callisto? Diese letzten Bilder des Segels im Blitzlicht, die Angst, die Wellenberge. Und das Danach – vom gebrochenen Mast leckgeschlagene Schiff – die Fenster des Cockpits, die mich wie vorwurfsvolle Augen anblickten, als die Wellen über ihm zusammenschlagen, nachdem es vollgelaufen ist. Und Bert, der über Deck gespült wird, die rote Jacke und gelbe Kapuze, die aus den Wellenkämmen auftaucht – gefühlte Ewigkeiten entfernt.

Nur mühsam kann ich mich von diesen Bildern losreißen. 50 Knoten. Das kann das Segel nicht halten!

Die Taimada rennt vor dem Wind davon. Sie erzittert, weil sie längst ihre Rumpfgeschwindigkeit erreicht hat. Die Vollbesegelung ist niemals für diese Windstärken ausgelegt.

p1020218-grosse-webansichtAls der Wind auf 60 Knoten – Orkanstärke ansteigt – ergreift plötzlich eine eiserne Faust meine Eingeweide und drückt sie zusammen. „Vor Angst in die Hose scheißen“ wird plötzlich ein plastischer Begriff. Die Beherrschung fällt schwer. Wie oft muss man als Thriller-Autor echte Angst beschreiben – aber hätte ich sie wirklich so hautnah fühlen müssen?

Ich schicke irgendwo einen Hilferuf ins All: „Bitte lass uns da heil rauskommen!“ Wer immer es auch hören mag.

Wie Kanonenschläge donnern die schweren Tropfen aufs Deck. Der Wind lässt langsam nach.

Wie lang der Spuk gedauert hat, kann ich nicht sagen. ich weiß nur, dass ich mich selten in meinem Leben so gefühlt hatte. Vielleicht beim Gleitschirmfliegen, wenn direkt über einem Hang der Schirm zusammengeklappt ist? Aber da war man wenigstens aktiv gefordert. Dieses tatenlose Ausharren und die nackte Angst waren für mich neu. Ich bin beinahe erstaunt, als ich später in den Spiegel blicke und meine Haare noch braun sind. Ich hätte schwören können, auf einen Schlag ergraut zu sein.

 

p1020210-grosse-webansichtKaum ist der Squall vorbei, scheint wieder die Sonne, als wäre nichts geschehen, und präsentiert einen wunderschönen Regenbogen vor dem frisch geputzten Himmel. Und wieder überkommt mich eine tiefempfundene Dankbarkeit für unsere tapfere Taimada, die ohne zu Murren diesen kurzfristigen Orkan abgeritten hat – nicht mal das Segel hat einen Schaden davongetragen! Einem Pferd würde man in diesem Fall wohl eine extra Möhre spendieren – mir bleibt nur ein liebevolles Tätscheln an unsere Gute, die uns nun seit 15 Jahren so tapfer um die Welt trägt. Was für ein Schiff! <3

Bei den nächsten Squalls werden wir wieder vorsichtig und nehmen lieber die Tortur von Segel bergen und neu setzen auf uns, doch keiner bringt mehr so viel Wind mit sich.

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Der Wetterbericht wird nicht besser. Und der Wind bläst zwischen drei und acht Knoten, während die Taimada mit ein bis drei Knoten Fahrt vor sich hindümpelt (wobei das meiste davon der uns schiebenden Strömung zu verdanken ist). Wir haben noch über 1.700 Seemeilen vor uns. Bei dieser Geschwindigkeit schaffen wir es nicht mal zum Weihnachtstörn. Die Frage, ob wir doch hätten nachtanken sollen oder zusätzliche Tanks füllen, wird überflüssig. Es ist nicht mehr zu ändern. Für die weite Strecke kann man sowieso nicht vorsorgen und wir sind nun mal ein Segelboot.

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Mit jedem Tag, den wir dümpeln, wird meine Panik größer. Weitere Strecken Motoren können wir nicht, den Diesel brauchen wir für den Stromerhalt. Die Stimmung ist wechselhaft. Mal reden wir uns das gemütliche Dahindümpeln und das gute Wetter schön, manchmal reichen schon die einfachen Worte von Hajot, wie „Wir müssen vielleicht die Gefriertruhe ausschalten, um genug Strom für die Navigation zu haben“ aus, um mich in Panik zu versetzen und mir vorzustellen, dass uns auch der Diesel nicht mehr für den letzten Stromerhalt des Autopilotes reicht und wir von Hand steuern müssen. Tag und Nacht am Steuer, völlig übermüdet. Die beiden Mal, wo er uns bei einer Überfahrt ausfiel, habe ich noch in allerschlechtester Erinnerung: Horrorvisionen vor Übermüdung, völlig entkräftet.

So schön die Stille um uns herum ist, so gespenstisch ist sie auch manchmal, wenn man nur das Surren des Autopiloten hört und sich vorstellt, was er bei der geringen Fahrt für Arbeit leisten muss und sich fragt, wie lang er die Tortur noch durchhalten wird. Ganz zu schweigen von dem Gedanken, dass wenn wir nicht Motoren können auch das Trinkwasser knapp wird, denn auch der Regen hat sich verabschiedet. Quälende Gedanken, die sich nur schwerlich komplett verdrängen lassen. Die Rossbreiten, in denen bei den alten Seefahrern schon so manches Pferd sein Leben lassen musste, weil es geschlachtet werden musste, um die Mannschaft am Leben zu erhalten. Wir haben kein Ross.

 

Irgendwann setzt die Entschleunigung ein. Tage und Nächte verschwimmen. Schlafen, Wachsein, Essen, Lesen… wenn morgens die Sonne auf dap1020237-grosse-webansichts Solarpaneel scheint und es Strom gibt, auch mal Schreiben.  Das ruhige Meer hat auch durchaus seine Vorteile: Hajot erledigt seine ersten Reparaturen. Und ich kann morgens mein Sportprogramm in aller Ausführlichkeit genießen, ohne durch den Seegang vom Stp1020281-grosse-webansichtepper geschleudert zu werden. Wir können danach einfach auf hoher See schwimmen gehen – unter uns über 6.000 Meter Tiefe. Hajot schwimmt auch mal eine Runde ums Boot, während ich immer in der Nähe der Leiter bleibe – noch den dunklen Schatten vor Augen, den ich nach einer Runde auf hoher See unter der Badeleiter hatte. Der Mond nimmt so langsam ab. In mancher Nacht sieht der Himmel aus wie frisch gewaschen, der aufgehende Halbmond ein rotes Snblchiff im Osten am Horizont.

Manchmal gibt es dunkle Wolken, die schnell vorüberziehen, manchmal ein sternenklarer Himmel, dass man sich fühlt, als würde man durch den Weltraum schweben. Und nur auf offener See funkeln die Sterne bei Aufgehen in allen Spektralfarben, als wären sie eine Discokugel, die Lichtstrahlen reflektiert. Und Meter für Meter (nicht wie sonst Meile für Meile) arbeitet sich die Taimada in Richtung Südwesten voran.

Jeden Ap1020276-grosse-webansichtbend dieser Reise zelebrieren wir den Sonnenuntergang auf dem Vordeck. Und täglich werden wir mit einem ganz besonderen Farbspektakel belohnt, dass uns für vieles entschädigt und uns schon in der Karibik wähnt. Nur hier sind diese besonderen Farbübergänge von Gold nach Rot und der Himmel in mint, ocker und rosa so ganz speziell 🙂

 

Immer, wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Ausgelutschte Weisheiten, aber manchmal durchaus zutreffend. Bei uns ist es der endlich verheißungsvoller werdende Wetterbericht, der unsere Gesichter wieder zum Strahlen bringt! Nachdem jeder Wetterbericht entweder Flaute oder Gegenwind für die kommende Strecke gezeigt hat, scheint der Passat endlich wieder zurückzukommen!

p1020203-grosse-webansichtHajot geht noch mal ins Wasser, um den Rumpf von den Entenmuscheln, die unsere Taimada entenmuscheln-grosse-webansicht inzwischen bevölkern, zu befreien, da sie uns ordentlich bremsen. Für mich immer ein aufregender Moment auf hoher See, mit brennenden Augen suche ich das Wasser ab, ob jemand das unerwartete Futter (die Krebschen oder Hajot) willkommen ist. Doch nichts zeigp1020270-grosse-webansichtt sich – wir sind völlig allein in unserem blauen Universum.

Der Wind kommt – erst als vorsichtiger Hauch von 8-10 Knoten, doch die Taimada nimmt so langsam wieder Fahrt auf. Und plötzlich erwacht auch die Welt um uns herum wieder zum Leben. Delfine begleiten uns und die ersten Tropikvögel zeigen sich am Himmel. Ermattet lässt sich einer auf unsere Reling sinken und ruht sich eine ganze Nacht bei p1020291-grosse-webansichtuns aus. Sargassotang schwimmt in großen Teppichen um uns herum und ich muss unwillkürlich an das Tagebuch von Kolumbus denken, der geschrieben hat: „Wir sehen Gras im Wasser. Land muss in der Nähe sein.“ Das hat er viele Wochen lang gedacht 🙂

 

Wenn eine Zeit voll Anspannung hinter einem liegt, dann kann man manche Bedingungen, über die man sonst nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen würde, auf einmal genießen. Die Tage sind zwar grau, auch die Nächte sind nun ohne Mond und mit Wolken oft schwarz, aber die Taimada rauscht dahin. Und wir strahlen! Plötzlich rückt ein Ankommen – das irgendwie unerreichbar schien – wieder in greifbare Nähe.

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Als die Entfernung zum Ziel plötzlich unter 1.000 Meilen wird, geht allep1020300-grosse-webansichts ganz schnell. Die Hunderter scheinen nur so zu purzeln. Und der Himmel zeigt sich wieder in strahlendem Blau, die Sonne leuchtet auf Passatwolken wie Wattebäuschchen.
Auch die fliegenden Fische sind da – zum Teil gleiten sie über 200 Meter über der Wasseroberfläche dahin, bevor sie in eine Welle platschen. Die ersten Tölpel kreisen um die Taimada, Tropenvögel ziehen vorbei, blitzen grellweiß in der Sonne auf. Nachts glitzern die Sterne am Himmel. Und fast bedauern wir es, als nach ein paar Tagen das Ziel in greifbare Nähe rückt.

 

p1020309-grosse-webansichtTrotzdem ist der Ruf „Land in Sicht“ jedes Mal nach so langer Zeit auf See ein ergreifender Moment! Die hochaufragenden Vulkane von St. Lucia (der Souffrière) und Martinique (der Mont Pelée) kommen in Sicht. Zum ersten Mal erreichen wir Le Marin bei Tageslicht. Nach knapp dreiundzwanzig Tagen – die längste Zeit, die wir in den ganzen Segeljahren je auf See verbracht haben – erreichen wir unser Ziel. Nach Wochen abseits von Gerüchen riecht man das Land wieder extrem stark. Dieser erdige Geruch nach Regenwald. Auch die Geräusche von Tropenvögeln und Fröschen ist einzigartig und verursacht uns eine Gänsehaut. Aus einer Bar klingt karibische Soca-Music. Die Luft ist selbst am Abend noch lau. Die Sonne versinkt in einem goldenen Meer – kurz blitzt es grün auf. Der erste Green Flash zum Ankommen – dieses seltene Phänomen der Lichtbrechung, wenn die Sonne direkt hinter dem Horizont verschwindet. Wir nehmen es als gutes Zeichen für die kommende Saison.p1020313-grosse-webansicht

Vor zweiundzwanzig Jahren hat hier unser Segelleben seinen Anfang genommen. Hier haben wir zum ersten Mal gemeinsam ein Schiff gechartert und sind gesegelt. Auch wenn unsere Weltumsegelung bereits im Sommer im Mittelmeer vollendet war, und es im Grunde schon die zweite Runde ist, ist es hier nochmals ein ganz besonderer Meilenstein und irgendwie habe ich das Gefühl, jetzt wirklich angekommen zu sein. 🙂

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3 Gedanken zu „Die Entdeckung der Langsamkeit (Transatlantik 2016)

  1. Hallo liebe Ute und lieber Hajot,
    super schöner Roman, der mich fesselt und dazu veranlasst hat, ihn sofort zu bestellen. Endlich ich auch.
    Es ist fesselnd zu lesen wie es euch so geht und absolut spannend geschrieben. Mein Traum, mal wieder auf euerer Taimada eine Runde zu drehen, mit Silvi und Marcus. Bis dahin viele liebe Grüsse Moni

  2. Vorweihnachtliche Grüße aus dem kalten Deutschland. Lese immer wieder gerne den Blog und bekomme Sehnsucht nach Meer. Bin auch schon im 2. Roman angekommen und freue mich, dass mein Namensvetter sich so wacker schlägt : ))
    Liebe Grüße an Hajot – take it easy my friend

  3. Hi Ute, danke für den kleinen Seefahrer-Roman, und schön zu hören, dass Ihr nach Wochen der Enbehrungen endlich die Schnapsinsel – äh Schatzinsel 😅 – gefunden habt … ich hoffe ich finde in der Zeit, in der Ihr in der Karibik seid wieder Zeit für ein wenig Jack Sparrow 😉 Mast- und Schotbruch! Eddi

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