Recherchereise nach Borneo, Tag 5

13.04.14 Tag 5:
Kutai National Park

(Bilder folgen)

Am Flussufer erwartet uns am nächsten Morgen Udin, ein Ranger des Kutai National Parks. Mit einem motorisierten Kanu gleiten wir durch den Fluss, halten Ausschau nach Krokodilen, die es hier gibt, doch wir sehen leider keine. Prefab, die Station, die einst von den Kohleminen-Betreibern gebaut wurde, liegt in einem Stück dichten Urwalds, in dem rund 25-30 wilde Orang-Utans leben. Wir machen uns mit Udin auf den Weg. Er läuft langsam und vorsichtig, hebt immer wieder lauschend den Kopf, wenn etwas im Gebüsch raschelt. Die Aufregung steigt. Immer wieder weist er uns auf Besonderheiten hin, mal ein paar obskure Käfer, die sich zu Kugeln zusammenrollen und auch mal beim Liebe machen sind, dann ein flinker Tausendfüßler. Doch endlich hebt sich sein Kopf und er winkt uns näher. Es blitzt kastanienrot aus dem Geäst. Eine Orang-Utan-Mutter klettert mit ihrem Jungen, der sich an ihrer Seite festklammert, durch die Baumkrone. Mit dem Fernglas beobachten wir sie, Auge in Auge. Als ich mit Hajot spreche, lugt der Kleine neugierig herunter. Die Träne aus meinem Augenwinkel läuft wohl nicht nur herunter, weil ich gegen die durch die Blätter blitzende Sonne schauen muss. Ein wahnsinniges Gefühl, diese tollen Tiere in freier Wildbahn zu sehen – unbeschreiblich!
Sie fressen die jungen Blätter des Ironwood-Baumes, eine ihre Leibspeisen. Dann ziehen sie weiter zur nächsten Futterstelle. Orang-Utans haben quasi ein eingebautes Navigationssystem, mit dem sie in ihrem Revier jederzeit wissen, wo welche Nahrung wann zu finden ist. Die Mutter bricht einen Ast ab, sucht nach Ameisen. Krachend fällt er durchs Geäst nach unten. Sie ziehen weiter ihren Weg auf der Suche nach Nahrung, bis wir ihnen nicht mehr folgen können. Doch kurz darauf entdeckt Udin die nächste Mutter. Auch dieser Kleine ist knapp 5 Jahre alt und sehr agil. Er legt für uns ein Turnprogramm ein, schaukelt an den Ästen und schaut immer zu uns herunter, als wollte er für uns vorführen. Nachsichtig fasst seine Mutter nach ihm, als wollte sie uns sagen „immer diese Jungspunde“, und gibt ihm ein paar hellgrüne Blätter zu fressen. Und die Blätter ganz am Ende des Zweigs scheinen ihm am verlockendsten zu sein, doch hier gibt der Ast nach. Man kann dem Kleinen förmlich ansehen, wie er grübelt. Dann baut er sich eine Schlinge, zieht den Ast her und futtert gemütlich. Er linst herunter, als wollte er sich versichern, ob wir es auch gesehen haben, wie klug er ist. Gut, dass die Ohren mein glückliches Grinsen eindämmen. Dann streckt die Mutter den Arm aus, der Kleine klettert in ihre Armbeuge, gibt ihr einen Kuss, dann geht es weiter. Geschickt hangelt sie sich von Ast zu Ast, manchmal schwingt sie einen kompletten Baum, um an den nächsten zu gelangen.
Der Regenwald hier ist noch intakt, dieses kleine Stück wurde von den außen herum tobenden Bränden und Abholzungen verschont. Es wachsen riesige Bangrassi Bäumen mit ausladenden meterhohen Wurzeln. Die Orang-Utan-Mutter hält am nächsten Ironwood-Baum an und isst, schaut uns dabei zu, wie wir die beiden anhimmeln. Schweren Herzens ziehen wir weiter.
Von der Lodge empfangen uns schon köstliche Düfte. Rahim zaubert gegrillten Fisch, Tintenfisch im eigenen Saft, Gemüse, Sambal, Minze und Reis. Wir bieten ihm einen Job als Koch auf der Taimada an – es ist wieder köstlich. Der vor der Lodge lebende Waren macht sich über unsere Reste her.
Am Mittag stößt Iris, eine junge, deutsche Backpackerin, zu uns. Andere Gäste sind wir schon gar nicht mehr gewohnt. Gemeinsam gehen wir nochmals in den Urwald.
Die Orang-Utan-Mutter und ihr Junges sind gerade vom Mittagschlaf erwacht und verlassen ihr provisorisches Schlafnest. Für den Abend wird sie ein aufwändigeres Nest bauen, erklärt uns Udin. Nur wenige Meter über unseren Köpfen klettern die beiden umher und futtern. Der Blick in diese wissenden braunen Augen verursacht mir eine Gänsehaut.
Wir machen eine richtige lange Tour, teilweise schlägt Udin uns eine Schneise mit der Machete, erkämpfen uns einen Weg. Ein Blutegel macht sich auf meinem Schuh auf in Richtung Fußgelenk. Doch Udin packt ungerührt eine Dose mit Salz heraus, streut eine Prise darauf. Der Egel windet sich. Das ist – neben Tabak – die Methode der Wahl, um sich dieser kleinen Ekel zu entledigen. Der Weg führt bergauf und –ab, durch dichtes Laub. Es ist angenehm kühl im Wald. Doch plötzlich stehen wir vor einem Abgrund. Ein schmaler vermooster Balken führt darüber. Udin spaziert darüber, als wäre es eine breite Straße. Mein Balanceakt ist weitaus weniger elegant, das Herz rast mit dreifacher Geschwindigkeit. Doch das stolze Gefühl, dass ich es geschafft habe, hält nur kurz an. Der nächste Abgrund ist viel breiter. Und ein rutschiger dicker Baumstamm führt darüber. Endlose Meter weit. Wären die Ufer des Abgrunds nicht so steil und schlammig, würde ich unten durch robben. Schlangen, Spinnen … alles kein Problem, aber Balancieren war noch nie meines. Doch es gibt kein Zurück. An Udins Hand wage ich mich mit zittrigen Knien – versuche, seine Hand nicht zu quetschen und cool zu bleiben. Da bleibt einem auch nichts erspart. Ich bin froh, als ich auf der anderen Seite bin.
Einen Schluck Wasser haben wir uns danach verdient – direkt frisch aus der Liane. Es schmeckt köstlich.
An der Lodge empfangen uns schreiend ein paar Makaken, jagen sich gegenseitig über die Bäume. Wir freuen uns, auch wenn sie hier nicht so gerngesehen sind, weil sie öfter Lebensmittel aus der Küche stehlen.
Nachdem Rahim uns wieder mit einem leckeren Abendessen verwöhnt hat: Gemüsesuppe, gefolgt von Huhn, Wasserspinat und Reis mit selbstgemachtem Sambal, machen wir uns – dick mit Mückenspray eingenebelt, denn die Moskitos hier sind zahlreich – ein drittes Mal auf in den Urwald zur Nachtwanderung. Gespenstisch huscht unser Lampenstrahl durch die Bäume. Der feuchte Modergeruch legt sich auf unsere Atemwege. Iris hat Angst, sie ist noch nicht so regenwalderprobt, aber es ist auch eine unheimliche Atmosphäre. Die Orang-Utans schlafen jetzt, doch Schlangen, Taranteln, Leoparden und Bären werden nachtaktiv. Auch Hundertfüßler, von dem wir einige sehr aktiv sehen, sind extrem giftig. Ein kleiner Skorpion kriecht einen Baum hinauf. Es ist spannend.
Wir machen uns auf die Suche nach Taranteln, schlagen uns quer durchs Unterholz. Unser Führer ist ein junger Dayak, er wirkt nervös. Nach einer ganzen Weile weist er uns – fernab des Wegs – an, unsere Lampen auszuschalten. Düsternis umhüllt uns, es raschelt im Gebüsch. Das Grillenzirpen wirkt plötzlich lauter. Wir stehen starr.
Er schaltet seine Lampe wieder ein – strahlt direkt eine Tarantel, einiges größer als mein Handteller, an. Fast samtig sieht ihr Körper mit den kurzen Haaren aus – man möchte direkt darüber streichen. Regungslos sitzt sie da, nur die Augen leuchten rot hervor. Wie schießen wie wild Fotos, können uns gar nicht mehr losreißen.
Der Rückweg wird obskur. Plötzlich wird unser Führer hektisch, rast voran. Schlägt sich mit der Machete durchs Unterholz. Ob wir uns wohl verlaufen haben? Wir können nicht fragen, er spricht kein Englisch. Und wir wollen ihn auch nicht noch zusätzlich unter Stress setzen. Vielleicht wollen wir es auch lieber gar nicht wissen. Plötzlich schreit Iris auf. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Doch es war nur eine Riesenheuschrecke, die sie angesprungen hat. Allerdings ist sie wirklich riesig, über 15 cm lang. Ich fühle mich zwar wohl im Urwald, auch bei Nacht, doch so langsam werde ich auch nervös – hier zu nächtigen reizt mich nicht wirklich. Für den geplanten Kurztrip hatten wir nicht mal Wasser eingepackt.
Kreuz und quer schlagen wir uns durchs dichte Geäst, die Haare verhängen sich an den Zweigen. Die feuchte Luft wird drückend, das Sirren der Moskitos zerrt an den Nerven. Aus der geplanten halben Stunde sind längst eineinhalb geworden. Durch die Baumwipfel blitzt der Mond, gibt jedoch kaum Orientierung, so senkrecht, wie er über uns steht. Weit entfernt hört man ein Boot auf dem Fluss tuckern, ich versuche, mir die Richtung zu merken. Der Fluss führt zur Lodge. An die Krokodile am Ufer, die nachtaktiv sind, kann man später denken. Doch endlich – gefühlte Stunden später – tut sich wieder ein Weg auf. Unser Führer wird wieder langsamer. Nun können wir auch wieder entspannt einen Baumfrosch bewundern und tellergroße Falter. Und die Zikaden, die tags ganz weiß schienen, tragen nachts einen blau-bunt gemusterten Schlafanzug.
Wohlbehalten kommen wir einige Zeit später als geplant zurück. Gute zwei Stunden waren wir unterwegs. Das eisgekühlte Bier hat selten so gut geschmeckt. Hajot hat einen Blutegel am Fuß, der sich so richtig vollgesaugt hat. Rahims Salzbehandlung bekommt ihm nicht gut, doch das Nachbluten nach dem Abfallen hält ewig an.
Lange noch plaudern wir mit Rahim – über den Regenwald, Schutzprojekte, die indonesische Politik, die Weltpolitik, die Umwelt, während Udins Frau eine indonesische Variante von „Voice of Germany“ oder „DSDS“ anschaut und manchmal mitsingt. Alles hätten wir hier im mitten Urwald erwartet, nur keinen Fernseher …
Nach Mitternacht liegen wir geborgen auf der weichen Matratze unter unserem Mückennetz und sind dann doch nicht undankbar, die Nacht nicht im Urwald verbringen zu müssen.

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